Charme und Schauder ob Davos

Lange – zu lange für mache – hat er sich Zeit gelassen. Nun ist er doch noch aufgetaucht. Schön ist er, dass muss ich zugeben. Ich höre ihn, ich rieche ihn, ich fühle ihn auf Schritt und Tritt, den Winter. Ich bin auf dem Weg zur Stafelalp. Eine alte Walsersiedlung ob Davos. Eines der alten Holzhäuser – das Restaurant Berghaus – will ich heute besuchen.

 

Die Schneedecke auf dem schmalen Weg vor mir ist unberührt. Ich keuche. Mein Atem gefriert in der klirrenden Morgenkälte. Unter meinen Schritten knistern tausend Eiskristalle. So beschwerlich habe ich mir den Weg nicht vorgestellt. Beharrlich schlängelt er sich den Berg hinauf, scheinbar endlos. Da! Endlich lugen einzelne Holzhäuser hinter weissen Schneeverwehungen hervor. Die Staffelalp. Auf einem der Häuser prangt in grossen weissen Lettern der Schriftzug «Restaurant Berghaus». Ziel erreicht! Dicke Fichtenstämme bilden die Hauswände. Im Blockhüttenstil liegen sie aufeinander. Die Witterung hat sie grau gemacht. Sie liegen wohl schon sehr, sehr lange da. Ich öffne die kleine hölzerne Eingangstüre und schlüpfe durch den niedrigen Türrahmen. Augenblicklich umgibt mich eine wohlige Wärme. Es riecht vertraut. Auch hier: überall Holz. In einer Ecke steht ein Turm aus alten Obstkisten. Darin Schuhe und Gummistiefel fein säuberlich aufbewahrt in Reih und Glied. Über eine knarrende Treppe – aus Holz, versteht sich – gelange ich in die Gaststube im oberen Stock. Dort sitzt Hüttenwart Kurt Sieber hinter einem Laptop. Die moderne Technik hat also auch hier Einzug gehalten. Was wohl das Berghaus davon hält?

 

Rot-weiss-karierte Servietten liegen auf den Holztischen. Rot-weiss-karierte Stoffherzen baumeln an den Balken, welche die niedrige Decke stützen. Rote Kissen schützen die Allerwertesten der Gäste vor den harten Holzbänken. Ich mach’s mir gemütlich und bestelle bei Kurt einen hausgemachten Orangenpunsch. Die Hektik des Alltags ist weit weg, irgendwo da unten. Karl bringt den Orangenpunsch und setzt sich zu mir. Ich halte meine Nase über die dampfende Tasse. Köstlich! Eine frische Orangenscheibe schwebt in der süss-fruchtigen Flüssigkeit. Es ist schön hier, im Berghaus Staffelalp. 250 Jahre habe es schon auf dem Buckel, erzählt Karl. Jahrzehntelang habe es während des Sommers als Stall gedient, bevor es 1936 zur Jugendherberge umgenutzt worden sei. Karl, St. Galler Rheinländer und ehemals Inhaber eines Baubüros, ist noch nicht lange Hüttenwart «hierobu». Erst vor fünfzehn Monaten habe er die Hütte übernommen. «Guata Morga Erich». Karl steht auf und begrüsst den zweiten Gast an diesem Morgen. Erich ist einer aus dem Dorf. Er setzt sich an den Tisch nebenan. Nein, es sei überhaupt nicht schwer gewesen, meint Karl als ich ihn frage, wie er denn aufgenommen wurde von den Alteingesessenen. Man glaubt es ihm sofort. Die Schwielen an den rauhen Händen, das wettergegerbte Gesicht, die schweren Wanderschuhe und die roten Stulpen über den abgenutzten Jeans – das ist ein Bergler, ein Chrampfer, einer von hier. Und einer, der glücklich ist, hier, an diesem abgelegenen Stück Berg, bei seinen Gästen, im alten Berghaus.

 

Das Haus! Ich möchte auch den Rest sehen. Was die alten Bretter und Balken der Besucherin wohl noch alles offenbaren? Karl steht auf. «Komm mit». Ich folge ihm. Gleich hinter der Gaststube liegt die Küche. Ein nach Öl und Zwiebel riechender Dampf schlägt uns entgegen. Vor dem alten Gasherd in der klitzekleinen Küche steht Michaela, Karls Frau. An den Wänden hängen Pfannen, Kellen und Geschirrtücher. Mehr als eine Person passt nicht in diesen Raum. Das sei auch nicht nötig, versichert Karl. «Wenn Michaela hier ist, kocht sie und ich kümmere mich um die Gäste. Wenn Sie nicht hier ist, mache ich alles». Platzproblem gelöst! Direkt neben der Küche befindet sich das Schlafzimmer des Ehepaars. Der Raum ist so eng, dass gerade knapp zwei Einzelbetten darin Platz haben. Wir quetschen uns an der Küche und an Michaela vorbei und steigen die Treppe ins Erdgeschoss hinunter. Ich ziehe den Reissverschluss meiner Jacke zu. Es ist gefühlte zwanzig Grad kälter hier unten. Die Gemütlichkeit der Gaststube sucht man hier vergebens. «Hier haben wir das Doppel-Gästezimmer». Karl stösst eine kleine Holztüre auf. In einem winzigen Raum stehen zwei ebenso winzige Betten. Es ist eiskalt. Die Gäste schlafen hier? Im Winter? Ohne Heizung? Alles kein Problem, entgegnet Karl. Mit Bettflasche gehe das wunderbar. Na dann. Wir gehen in gebückter Haltung weiter den engen Korridor entlang. Ganz hinten befindet sich das sogenannte Lager. Zwei übereinanderliegende Flächen mit je drei schmalen Matratzen bieten sechs Personen Unterschlupf. Von der Liegefläche der oberen Betten bis zur welligen grauen Gipsdecke sind es ungefähr fünfzig Zentimeter. Ich frage mich, wo hier noch Platz bleibt für die Bettflasche. Nichts für verwöhnte Städter. Und schon gar nichts für Leute mit Platzangst. Mir wird ein bisschen mulmig und ich bin froh, als wir wieder vor der Treppe stehen, wo die Platzverhältnisse ein wenig grosszügiger sind. Jetzt steigen wir hinab in den Keller. Es riecht nach modrigem Holz und feuchtem Stein. Feinsäuberlich aufbewahrt befinden sich hier die Vorräte, durch die dicken Mauern gut geschützt vor Wärme. Allerdings nicht vor Eindringlingen. Die Zeit hat ihre Spuren hinterlassen am alten Haus. Risse und Löcher zieren sein Gemäuer und gewähren auch ungebetenen Gästen Einlass. Karl klaubt eine Kartoffel aus einer Holzkiste. Ganz offensichtlich hat sich jemand daran gütlich getan, deutlich erkennt man die Knabberstelle am einen Ende der Knolle. «Siehst Du die Spuren der Zähne? Viel zu breit für eine Maus. Hier war ein Wiesel am Werk. Dem werde ich einen Riegel schieben!». Wo die Grenzen der Gastfreundschaft liegen, darüber müssen sich Hüttenwart und Berghaus wohl noch einig werden.
 
Tanz ins Ungewisse

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