Fremde unter sich

„Welcome to Kazachstan!“ die Aufschrift auf dem Ortsbus ist nicht zu übersehen. Ein Hinweis auf das bevorstehende World Economic Forum – „WEF“ wie es die Einheimischen nennen. Noch fünf Tage. Es herrscht Ruhe an diesem Freitagmorgen auf dem Postplatz von Davos. Schneegestöber. Ein Gemeindemitarbeiter sammelt Schnipsel auf und wirft sie in seinen orangen Abfallwagen. Er hält vor dem Restaurant Cioccolino. Im inneren sitzt eine Handvoll Leute. Auf zwei Tischen stehen Schilder: „Reserviert“. Vier Swisscom-Mitarbeiter hocken beim Znüni, ein distinguierter Herr mit Hemd und Weste trinkt Milchkaffee, sonst kein Betrieb. Popmusik strömt aus dem Radio, vor den grossen Glasfenstern schaufelt ein junger Arbeiter unbeholfen Schnee. Der Blick fällt auf die Promenade. Weiss in Weiss.

 

Ab und zu öffnet sich die Schiebetür, kalte Luft weht um die Beine. Eine Vierergruppe in Snowboardkleidern tritt ein, englisch und schweizerdeutsch schwatzend. Verschlafen wirken sie, bestellen Kaffee und Gipfeli. Wieder die Schiebetür. René Kilchenmann tritt ein. René, wie ihn die meisten nennen, ist Geschäftsführer im Cioccolino. Quasi über Nacht habe er den Betrieb übernommen, damals 2006. Seit dem laufen die Geschäfte. Nach Davos ist er per Zufall gekommen, über eine Stellenanzeige. Die Davoser hätten keine Problem mit Auswärtigen, findet er. „Man akzeptiert mich, weil ich seriös arbeite.“ Und weiter: „Ich bin in Spreitenbach aufgewachsen, das ist eine andere Welt.“ Ausländer gebe es in Davos zwar auch viele, nur kämen sie wirklich aus der ganzen Welt. Vor allem am WEF, aber nicht nur. Aus dem Radio tönen mittlerweile Disco-Schlager.

 

Wieder fährt ein Bus vorbei: „Make Andhra Pradesh your Business Opportunity“. Kurz darauf folgt ein Armeefahrzeug. „Jeder in Davos profitiert vom Wef“ kommentiert René. Die Gäste während dieser Zeit seien angenehm; blieben nur kurz, verhielten sich deshalb zurückhaltend. Das Telefon klingelt „Wo bisch?“ René muss weiter zur Tennishalle von Davos. Dort ist die Kantonspolizei Graubünden untergebracht, Wahl-Davoser René sorgt für das Catering. „Die in der Tennishalle können das nicht, also mach ich’s.“ René huscht er aus der Tür. Es wird wieder still, nur das Radio spielt fröhlich weiter. Das WEF scheint noch weit weg.

 

Vor den Panoramafenstern tänzeln die Schneeflocken, in der Ferne kreist irgendwo ein Helikopter. Kellner Ralph serviert einzelnen Gästen Espresso. Auch er ist nicht von hier. Er hat Volleyball gespielt, früher in der DDR. Dann hat ihn das Bodybuilding gepackt, so ist er in die Gastronomie geraten. „In Davos wirst du nur was, wenn du gut bist. Aber Davos pflegt auch seine Alten“, sagt er augenzwinkernd. Seit vielen Jahren ist er hier, im Restaurant Cioccolino arbeitet er seit einem halben Jahr. Es ist seine erste feste Stelle. Durch die Scheiben dringt dumpf das Rasseln von Schneeketten. Schneeräumfahrzeuge bevölkern die Strassen, sonst kaum jemand. Ein älteres Paar nimmt am Fenster Platz. Ralph nimmt die Bestellung auf. Die Dame trägt eine goldumrahmte Brille. Sie blättert durch den „Blick“. Auf der Titelseite steht in grossen Lettern „Flüchtlinge“. Sie legt das Heft beiseite, schaut aus dem Fenster, in die weisse Welt von Davos.

 

Inzwischen ist es Mittag. Eine Gruppe Jugendlicher kommt durch die Schiebetür. Sie tragen etwas zu gross geratene Anzüge, plaudern. Auf dem Postplatz halten wieder Busse, Kazachstan vor Andhra Pradesh. Drei Snowboarder steigen aus. Verloren blicken Sie sich um, trotten lustlos die Strasse hinunter Richtung Jakobshorn. Vermutlich sind auch sie nicht von hier. Ralph unterhält sich mit Kollegin Anna, beide haben Zeit. Anna stammt aus Portugal. Den Winter mag sie nicht besonders, dafür ihre Arbeit in den Bergen und im Restaurant Cioccolino. Mittlerweile fällt der Schnee dichter vom Himmel. Ein Mädchen mit Schulrucksack steht auf dem Postplatz. Ihre rote Mütze scheint durch das Schneetreiben, darauf ein Schweizerkreuz. Gedankenverloren steht sie da, stapft hie und da im Schnee. Ihr Bus kommt. „Göbleki Tepe“, Türkei. Sie steigt ein, der Bus fährt ab. Es ist wieder ruhig auf dem Postplatz.
 
Charme und Schauder ob Davos

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