Klack, klack.

Klack, klack.

Der Skischuh sitzt fest in der Bindung. Allerdings, der Ski, der damit verbunden ist, liegt noch nicht im Schnee, sondern auf der Werkbank des Sportgeschäfts Angerer in Davos. Silvan nimmt den Schraubenzieher und führt die nötigen Einstellungen an der Bindung aus. Es muss schnell gehen. Für andere Fragen als nach Körpergrösse, Gewicht und Fahrstil des Kunden – Anfänger, Fortgeschrittener, Experte – bleibt jetzt keine Zeit. Jeder Handgriff sitzt.

 

Klack, klack.

 

Die Mietskis sind bereit. Der Kunde bedankt sich, bezahlt und entschwindet im Schneetreiben. Diese Szene könnte unfreundlich wirken, deren Handlung steht aber ganz im Dienste des Kunden. Silvan erklärt: „Weisst du, länger als fünf Minuten sollte die Prozedur nicht dauern. Schliesslich steht der Kunde hier im Laden in voller Skibekleidung. Da fängt man schnell an zu schwitzen. Und wenn der Kunde dann rausgeht, friert er. Das ist für ihn unangenehm.“

 

Das zweite Paar Ski liegt bereit. Klack. Klack. Silvan konzentriert sich auf das Wesentliche. Die Geschwindigkeit mit der er arbeitet, hat einen Preis: Seine kräftigen Hände sind mit unzähligen kleinen Narben versehen. Schnitte und Verletzungen, die durch die Arbeit mit scharfen Kanten und spitzem Werkzeug entstehen. Wunden die schlecht verheilen, weil sie immer wieder neu aufreissen. „Das gehört dazu und stört mich schon lange nicht mehr“ sagt er lachend. Man möchte es ihm glauben. Klack, klack.

 

An guten Tagen – kalt, viel Schnee und Sonne – bedienen er und sein langjähriger Kollege Markus schon mal an die 40 Personen innert zwei Stunden. Da bleibt kaum Zeit zum Durchatmen. Wenn Silvan aber abends, beim Zurücknehmen der Skis, die zufriedenen Gesichter der Kundschaft sieht, ist diese Anstrengung des Tages schon längst vergessen. Wenigstens sagt er das so. Seit 16 Jahren ist der 33-Jährige jetzt bei Angerer Sport, seit mehr als fünf Jahren betreut er in der Wintersaison die Skivermietung und -reparatur. Im Sommer wechselt er auf das Segment Mountainbike. Ohne dieses zusätzliche Sommerangebot könnte Angerer Sport nicht bestehen. Silvan sagt: „Angerer ist ein toller Arbeitgeber. Wir sind ein gutes Team. Ich mache das, was mir Spass macht. Ich habe viele Freiheiten, aber auch viel Verantwortung.“ Das tönt nach Berufung statt nach Beruf.

 

„Komm, ich zeige dir, wie ein Skibelag repariert wird.“ Silvan führt mich in die Werkstatt im Untergeschoss. Im Vergleich zur luftig-hellen, grosszügig bemessenen, glitzer-bling-bling Verkaufsfläche, die nach allen heute gültigen Gesetzen der Markenwelten aufgebaut und voll und ganz auf modernes Einkaufserlebnis ausgerichtet ist, ist es hier einfach nur dunkel und stickig.

Hier unten ist die Zeit stehen geblieben. Der Geruch von altem Holz, Metall, Parafin, Staub und Schweiss steigt einem in die Nase. Und so wie es riecht, sieht es auch aus: In einem Raum – nicht grösser als Grossvaters Bastelraum im Luftschutzkeller – stehen Wachs- und Schleifmaschinen, Bohrer, Fräsen und zwei Arbeitstationen. Jeder Quadratzentimeter an den Wänden wird zur Aufbewahrung von Werkzeugen und Ersatzteilen genutzt. Auf zwei überlangen Regalen stehen über 100 Materialboxen; die rote Regalreihe für Winter-Hartwaren, die gelbe Reihe für das Sommersortiment. Hier hat jedes Teil seinen Platz. Silvans Augen glänzen. Dies ist sein Reich. 80er Jahre. Teppichboden.

 

Gekonnt spannt Silvan den zu reparierenden Ski in die Arbeitstation. Der Defekt im Skibelag liegt nah an der Kante. Fachmännisch legt Silvan die Stelle mit einem Spachtel frei. Mit dem ‚Stempel’, ein Präzisionswerkzeug zum Bearbeiten von Graphitbelägen, schneidet er das Ersatzstück‚ den Flicken – wie er es nennt – auf den Milimeter genau zu. Dieser wird dann mit einem Spezialkleber angebracht und unter Druck angepresst. Alte Schule. Die Trocknungszeit dauert rund sechs Stunden. Dann kann der Skibelag wie gewohnt geschliffen und gewachst werden.

 

„Silvan, kasch du kurz ko? I bruuch di.“ tönt es von oben aus dem Ladenlokal. Markus berichtet, dass ‚Unterländer‘ kurzfristig eine Reservation von Freeride-Skis inklusive LVS getätigt haben. Sechs Paar Ski müssen bereitgestellt werden. Früher wurden – laut Silvan – Skitouren von langer Hand geplant. Heute entscheiden sich Kunden immer häufiger spontan für solche Aktionen. Nicht zuletzt deshalb schreibt sich wohl Angerer das Credo ‚Wir sind Service‘ auf den Hut. Silvan bestätigt: „Wir brauchen diese Kunden. Und ja, der Dienstleistungsgedanke steht ganz weit vorne, auch wenn es manchmal sehr stressig ist.“ Kunde, König.

 

Kaffeepause. Zeit für einen kurzen Schwatz über besondere Momente im Laden. Etwa, wenn für Prominente das Geschäft nach 22 Uhr noch einmal geöffnet wird. Oder wie es sich anfühlt, dem Gitarristen von U2 in die Skischuhe zu helfen. Und dass sich sich die C-Prominenz oft schlechter benimmt als die wirklich grossen Stars.

 

„Naja, jedenfalls sind wir froh, dass der Winter jetzt doch noch kommt“, meint Silvan. „Endlich hat es richtig geschneit und die Leute möchten auf die Piste.“ Sagt’s und eine Gruppe Engländer strömt in den Laden. Jeder in kompletter Skibekleidung.

 

„Luag, itz muass äs schnell ga. Du waisch ja, füf Minute. Schuscht schwitzät si.“ Silvan ist in seinem Element.

 

Klack. klack.
 
Fremde unter sich

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