Schnupperlehre mit Totmann, Zwerg und Leidenschaft

Gedämpft dudelt DRS 3. Zu leise, um den Song zu erahnen. Nichts los! „Der 1. Zug geht schon um fünf“, sagt Andy, „Berufspendler sind schon lange weg“. Andy, 21 Jahre, Mitteldienst-Schicht. „Geht von Viertel vor acht bis sechs“. Es ist ruhig am Schalter und Andy hat somit Zeit. Niemand zu sehen. Sind Unterländer, Prättigauer oder Landwasser in der Wartehalle kann es laut werden. Es gibt nicht Trennendes zwischen Kunden und Schalterbeamten. Ungewöhnlich –diese Nähe und Offenheit. „Der Kontakt ist intensiver ohne Glas“, sagt Andy. Er liebt den Kundenkontakt. Deshalb hat er auch Kaufmann öffentlicher Verkehr gelernt und nicht Maschinenbauingenieur wie sein Vater. Während der Ausbildung hat er den halben Kanton gesehen. Man wechselt drei bis viermal. Nach der Ausbildung ist es ruhiger. So ruhig wie um diese Zeit. Berufsbildner kann er noch werden. Mit Zusatzausbildung. Dann wendet er sich Prisma zu, dem Verkaufssystem der Rhätischen Bahn. „Ich suche meine Lesebrille“, sagt eine leuchtend blaue Ski-Jacke zu Miriam. Spätdienst, auch 21 Jahre. Eine verbogene Glitzerstein-Sonnenbrille, ein originalverpacktes Hörbuch „Das Vermächtnis der Wanderhure“ und ein paar stark abgewetzte Skihandschuhe. Mehr kann sie nichts finden. „Bern! Alles geht nach Bern. Wir schicken alles zur Fundzentrale“. Er solle das Online-Formular ausfüllen, macht sie ihm Mut. Miriam ist von Sumvitg. Nach der Ausbildung hat sie in ihrer Region keine Stelle gefunden. Jetzt lebt sie hier. „Zweimal Bern-Bümpliz“ tönt es im Dialekt. Die beiden Herrschaften haben einen Beförderungsschein. Wer noch darauf wartet, sind ihre prall gefüllten Rollkoffer. Gepäcksendung Schweiz. Zwölf Franken pro Stück. „Das machen wir immer so. Die schleppen wir doch nicht.“ Zwei Tage dauert es. „Wäsche haben wir genügend zu Hause. Zwei Tage, wo ich nicht waschen muss“, strahlt die kleine goldene Jacke glücklich. „4 Tage waren wir in Davos, aber bevor das WEF kommt, „gömmer“!“ Eine schwere silberne Tür gleitet stockend auf. „Looking where we first met“, krächzt das alte Sony-Gerät. „WiDi, einfach WiDi“, lächelt mich eine grosse rote Jacke an und nimmt mich in Empfang. Gian Reto Cantieni ist zuständig für Intervention. Intervention? „Wenn etwas schief geht, bin ich zur Stelle.“ Aber alles bleibt wie zuvor ruhig. Aber immens kälter. Wir befinden uns auf dem Perron. Zur roten Jacke gesellt sich, eine orange. „PiPo, einfach PiPo“ stellt sich der Rangierer vor. Dazu eine gelbe Weste. Darin steckt Marco der Lokomotivführer, ehemals aus Winterthur. „Nein, Lokomotivführer ist keine Lehre“, stellt er klar. Man lernt Logistiker und macht eine Zusatzausbildung. Er lebt den Bubentraum. „Wenn ich als kleiner Junge mit dem Schiff fuhr, wollte ich Kapitän werden. Sass ich im Flugzeug, war es Pilot. Aber die Leidenschaft mit der Eisenbahn ist geblieben.“ Sieben bis acht Frauen arbeiten als Lokomotivführerinnen bei der Rhätischen Bahn. „Wie ist es denn so als Lokomotivführerin?“ Kaum ausgesprochen, befinden wir uns zu dritt in der warmen Spitze des Zuges. PiPo, Marco und ich lassen Davos Platz hinter uns und machen uns auf dem Weg Richtung weissen Wald. Das Signal wechselt von Rot auf Grün und der Zwerg ist offen. Zwergsignale sind kleine Eisenbahnsignale, welche gnomhaftig neben dem Gleis stehen. Wir ruckeln aus dem Bahnhof und nehmen Fahrt auf in eine märchenhafte Schneelandschaft. „Im Vereina-Tunnel kann es schon mal 100 Stundenkilometer sein. Meist aber um die 65“, so Marco. Es hat die ganze Nacht geschneit. Der Blick aus dem Zentrum der Fortbewegung ist bombastisch. Die Fahrleitungen neigen sich gefährlich tief. Teils 2 Meter bauchig durch. „Die Fahrleitung ist immer als eingeschaltet zu betrachten“, stellt PiPo klar. „Wenn jetzt ein Baum umfällt, geht gar nichts mehr.“ 11000 Volt haben die. „Bei der SBB sogar 15000“, wie mir beide stolz erklären. Ein gellender Pfiff durchbricht das gleichförmige Rattern. Rehe sehen wir nicht. Eher Snowboarder oder Wanderer. Ein gefährlicher Wanderweg. Klick, Klack machen die beiden vereisten Scheibenwischer nervös. Ein weiteres hydraulisches Geräusch hört man alle 30 Sekunden. Der Totmann hält uns lebendig. Der Fahrer drückt ihn regelmässig. Wenn nicht, gibt es eine automatische Vollbremsung. Wir lassen das gleissende Licht hinter uns und rasen in den Tunnel. Drei Scheinwerfer bilden nur einen schwachen Lichtkegel. Reflektoren wie Katzenaugen starren uns an. Wird denn oft was vergessen? „Mal ein Snowboard, Reisegepäck oder auch schon mal ein Handy 6“, so die beiden. Sogar ein Kind fuhr alleine. Die Eltern hatten es beim Aussteigen vergessen. Wenigstens brauchte das nicht zur Fundzentrale nach Bern.
 
Klack Klack

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