SELIG SIND, DIE DA LEID TRAGEN

Im Räderwerk eines Kulturbetriebs: In der Tonhalle Zürich entsteht in nur drei Probetagen das deutsche Requiem von Johannes Brahms. Auf der Bühne ernten die Sänger des Profichors der Zürcher Singakademie gemeinsam Applaus, dahinter findet ein knallharter Konkurrenzkampf statt.

 

Peter Solomon, der Korrepetitor am Klavier, spielt die ersten Töne des Orchesterparts. Im Probelokal verstummt jedes Geräusch. Die Mimik, die Körperspannung der Berufssänger ändert sich schlagartig. Aus Menschen werden Künstler. Die schlanken Pianistenfinger Solomons repetieren die tiefen f der Bassstimme. Jeder Sänger des Profichors der Zürcher Singakademie vertraut Peter Solomons Händen blind. Er ist der perfekte Begleiter und der gute Geist jeder Probe. Verschlägt der Dirigent einen Takt, verpasst eine Stimme den Einsatz, singt man zu hoch oder zu tief, Peter Solomon sitzt da und stützt die Sänger mit seinem Klangteppich. Man hört Peter Solomon selten sprechen. Er spricht mit einem durch sein Klavier.

 

Der Chorleiter Tim Brown hebt den Taktstock für den ersten Einsatz des Chors. Brahms Requiem beginnt in feinstem Pianissimo. Wenn siebzig Profisänger die ersten Worte „selig sind“ so leise wie ein Lufthauch singen, ist das gewaltiger und ergreifender als das lauteste Fortissimo. Hätte das Probelokal Nackenhaare, sie würden sich sträuben.

 

Nicht so die Nackenhaare von Tim Brown. Sofort winkt er ab. „Mehr Augen“, verlangt er. „Ich verlange, dass alle Augen bei jedem Einsatz auf den Dirigenten gerichtet sind. Ihr müsst jeden Einsatz auswendig können.“ Der Chor beginnt nochmals, wieder bricht Tim Brown ab. „Ich höre nur seli sin“, kritisiert er. „Mehr g, mehr d. Konsonanten transportieren den Klang, lassen die Stimme weiter klingen, über den Ton hinaus.“ Ein drittes Mal selig sind. Mit genügend g und d. Nicht alle zur gleichen Zeit: selig sind-d-d-d-d. „Das d kommt genau auf Schlag zwei, nicht am Ende von Schlag eins, nicht dazwischen, nicht danach.“ Selig sind zum Vierten, Fünften und Sechsten, bis es klappt. Erschwerend kommt hinzu, dass die siebzig Sängerinnen und Sänger aus sechzehn verschiedenen Ländern kommen. Ein deutsches g klingt anders als ein italienisches, ungarisches oder japanisches. Von englischen Stimmen hört man eher ein selick. Der Chorleiter gibt sich erst zufrieden, bis „selig sind“ deutsch klingt und nicht wie ein babylonisches Sprachgewirr.

 

Peter Solomon spult stoisch seine tiefen f’s während allen Wiederholungen ab. Aber das leichte Zucken seines rechten Mundwinkels verrät, was er von Tim Browns Exerzieren hält. Der Chorleiter kommt von der britischen Eliteuniversität Cambridge. In seinem System wird Leistung durch Drill erreicht. Ein Berufschor ist für ihn keine Demokratie. Es zählt nur, was der Dirigent will. Es gibt auch Stimmen, die Tim Browns Diktat unterstützen. „Konzerttourneen mit ungarischen Ensembles sind fürchterlich“, meint Regina Domjan, eine ungarische Sopranistin. „Ohne Vorbereitung stellt man uns auf die Bühne. Es hat keine Qualität. Ich bin richtig glücklich, an einem Stück richtig zu arbeiten.“ Das sieht man Regina Domjan an. Noch nach zwanzig Mal „selig sind“ spiegelt ihr Gesicht die Bedeutung des Wortes. Als hätte sie Seligkeit mit Löffeln gefressen. Bevorzugt stellt Tim Brown Sänger wie Regina Domjan in die erste Reihe. Theatralische Mimik und kleine Körpergrösse sind gute Voraussetzungen für einen Platz in der ersten Reihe.

 

Aus siebzig Sängerinnen und Sängern schmiedet Tim Brown innerhalb von drei Tagen ein Instrument, das Johannes Brahms spätromantische Klangwelt transportiert. Keine leichte Aufgabe. Denn siebzig Sänger bedeuten ebenso viele Individualisten, Diven, Eigenbrötler, Selbstdarsteller. Das alles muss ein Musiker auch sein, sonst überlebt er nicht in diesem knallharten Geschäft. Das Brahms-Requiem mitzusingen, bedeutet noch lange nicht ein gesichertes Engagement für die kommende Spielzeit. Immer wieder gibt es Vorsingen, nur die geeignetesten Sänger werden weiter ausgewählt. Für jede Besetzung gibt es Dutzende Bewerber, jeder mit bester Qualifikation. „Erwischst du für ein Vorsingen einen schlechten Tag, verlierst du den Job“, sind die Erfahrungen von Regina Domjan.

 

Jeder Sänger hat auch eine eigene Vorstellung eines Werks. Diese muss nicht zwingend mit den Vorstellungen des Dirigenten übereinstimmen. Aber ein Chorsänger muss seine Individualität zurückstellen, und sich in den Gesamtklang einfügen. Das ist die grosse Kunst am Chorgesang, sei klanglich ein Ensemblemitglied und in Ausdruck und Stimmung ein Solist.

 

Wie lieblich sind deine Wohnungen. „Das ist etwas vom Schönsten, was je für Chor geschrieben wurde“, schwärmt Tim Brown von diesem Satz. Ausnahmsweise ist sich das ganze Ensemble mit seinem Chorleiter einig. „Aber wenn ihr das singt, schaut zum Dirigenten. Jede seiner Bewegungen bedeutet etwas. Singt jeden Ton einzigartig. Jeder Ton hat eine eigene Bedeutung, ein eigenes Gewicht. Sind eurer Augen beim Singen in den Noten ist euer Gesang tot. So tot wie jetzt.“ Harte Worte aus dem Mund des Chorleiters für den Chorklang über die gesamte Phrase. Auch bei dieser Stelle feilt er an den Details. „Ich verstehe wie lieblick sineine Ohnungen. Keine ch, d, w.“ Das gleiche Spiel beginnt von vorne. Sieben lange, anstrengende Stunden einer Probe. Die Stimmbänder eines Profisängers halten das aus. Die Nerven weniger. Nur Peter Solomon, der Fels am Klavier, spielt, schweigt und zuckt ab und zu mit der Augenbraue.

 

Nach zwei Tagen Drill läuft Tim Browns Probezeit ab. Für die Orchesterprobe übergibt er den Dirigentenstab und das Instrument des Chors an den Stardirigenten Bernhard Haitink und verschwindet als Zuhörer im Hintergrund. Anteil am Applaus auf der Bühne wird er wenig haben. Haitink, der Dirigent von Weltruf wird den Beifall ernten. Er lenkt ab jetzt Chor und Orchester und setzt dem einstudierten und erarbeiteten Werk, den punktgenau platzierten Konsonanten seine eigene Krone auf. Für einen Profisänger ist der Unterschied von einem Chorleiter zu einem erstklassigen Dirigenten immens. „Als Sängerin spüre ich, was er von mir will. Ich bin mit Haut und Haaren dabei und gehe gemeinsam mit meinen Mitsängern voll in der Musik auf.“ Von der ersten bis zur letzten Note der Orchesterprobe sprühen Regina Domjans ungarische Augen das Feuer der Puszta.

 

Am Abend des ersten Konzerts strömt das Publikum vorne in die mit Goldstuck verzierte Zürcher Tonhalle. Hinter den Kulissen warten die Sängerinnen in langen Abendkleidern, die Sänger im Frack im engen, schäbigen Treppenhaus und warten. Noch zeigt die Ampel für den Auftritt Rot. Es ist eine Mischung aus Anspannung und Gelassenheit, letzten Stimmübungen, SMS und Bratschenwitzen. Bis ein schschschscht durchs Treppenhaus raschelt. Die Ampel springt auf grün. Die Tür geht auf, das Publikum applaudiert. Regina Domjan knipst ihr Lächeln an. Selig sind.
 
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