Tanz ins Ungewisse

Die Gespräche verstummen. Unten eine Bühne – ohne Bild – schlicht gehalten, schwach beleuchtet. Gestalten, nicht mehr als Schemen, betreten andächtig den Raum. Schritt für Schritt tasten sie sich vor, entdecken behutsam die Leere. Die Schemen atmen tief ein und aus. Erst langsam, dann immer schneller und gieriger nach Luft schnappend.

 

Eine Stunde vorher. Im Foyer der Dampfzentrale Bern herrschen reger Barbetrieb und lautes Stimmengewirr. Menschen drängen sich um Apéro-Tischchen, essen und trinken, diskutieren und lachen. Inmitten dieser Menschenansammlung steht Michael Wälti und nippt nervös an seinem Whisky. Der 30jährige Berner ist sichtlich angespannt. „Jetzt kann ich nichts mehr tun. Die Tänzer sind auf sich allein gestellt und müssen damit klar kommen.“

 

Michael ist Choreograph und leitet die Tanzkompanie „Bite Bullet Dance„, die in wenigen Minuten sein Stück „but the air is never sweet enough“ aufführen wird.

Eine Aufführung, die ihn und seine Kompanie in der Berner Kunstszene etablieren und Interesse bei möglichen Auftraggebern wecken soll. Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Michael trinkt den Whisky in einem Zug aus.

 

„Im Herbst 2014 hab‘ ich mit der Planung begonnen. Ich musste Geldgeber auftreiben, Tänzer engagieren, einen Komponisten finden…“, er bindet sich die langen Haare zusammen, „… Licht- Designer, Web-Spezialisten und Buchhalter beauftragen. Daneben die Choreo planen und mit den Tänzern üben.“

 

Eigentlich könnte er sich nun zurücklehnen und die süssen Früchte seiner harten Arbeit geniessen. Doch der Druck ist zu gross: 18 Monate intensive Vorbereitungen über deren Erfolg eine neunzig-minütige Darbietung entscheidet.

 

Die Sucht nach Genusszuständen

 

Ein Mann, von blauem Licht umhüllt, steht regungslos, blickt stoisch ins Publikum. Seine Unterarme sind angewinkelt, die Handrücken zeigen nach oben. Männer und Frauen nähern sich vorsichtig dem Erleuchteten, suchen seine Nähe. Langgezogene Orgelklänge mit tiefem Bass bauen Spannung auf. Wie in Trance dreht er langsam seine Hände, alle Augen sind auf ihn gerichtet. Eine der Frauen macht eine Bewegung – dann ein Knall. Alle, bis auf die Frau, stürzen zu Boden.

 

Im Stück geht es darum, dass der Mensch auf der ständigen Suche nach Genusszuständen ist. Der Körper macht diese Empfindungen möglich und wird zur Droge umfunktioniert.

Michael Wälti ist Absolvent der Amsterdamer Kunsthochschule und weiss, dass Moderner Tanz dem Betrachter viel Spielraum für eigene Interpretationen lässt. Seine Erläuterungen bleiben darum vage. „Genüsse wie Sexualität und Spiritualität geben uns das Gefühl, intensiver zu leben, bergen aber auch Gefahren in sich. Das Luftholen wird zum Leitmotiv und zur Metapher für unsere Sucht nach Genusszuständen.“

 

Moderner Tanz ist die künstlerische Verarbeitung und Darstellung von Gefühlen. Die Gefühlswelt eines jeden Zuschauers ist von unterschiedlichen Erfahrungen in seinem Leben geprägt. Aus diesem Grund werden Stücke des Modernen Tanzes mitunter sehr verschieden aufgefasst und bewertet.

 

 

 

Moderner Tanz spaltet die Gemüter

 

In der Mitte der Bühne eine Frau, auf Zehenspitzen tänzelnd. Ein Mann betritt die Szene. Ruckhaft, wie ein Vogel, bewegt er seinen Kopf hin und her, die Augen stets auf die Frau gerichtet. Plötzlich stürmt er zuckend auf sie zu. Er bleibt vor ihr stehen und fängt an, sie zu beschnüffeln.

 

Dass die Meinungen weit auseinander gehen können, musste Michael heute morgen via Presse erfahren. Die Kultur-Redaktorin der Zeitung „Der Bund“, Lena Rittmeyer, hat sich „but the air is never sweet enough“ bereits angesehen und hielt mit Kritik nicht zurück. „Viele Zitate aus der Popkultur, aber wenig Zusammenhang“, lautete ihr Urteil.

 

„Klar, so eine Kritik tut weh, vor allem weil wir so viel Zeit und Energie in das Projekt gesteckt haben.“ Michael lächelt gequält. „Meinen Tänzern habe ich die Kritik vorgelesen, sie wären heute sowieso darauf angesprochen worden. Das sind halt Erfahrungen, die jeder Künstler in seinem Leben machen muss. Glück und Leid liegen in unserer Branche nahe beisammen. Aber jetzt gibt es kein Zurück mehr, wir arbeiten weiter!“

 

Schweiz-Holländische Produktion

 

Michael, obwohl noch sehr jung für einen Choreographen, hat bereits einiges an Erfahrung gesammelt. Mit „Magic Arrow“, einem von ihm choreographierten Stück, gewann er 2013 im Amsterdamer Multimedia Zentrum „Melkweg“ den Publikumspreis.

„Amsterdam war für mich ein wichtiges Kapitel. Viele meiner Freunde sind Holländer, vier davon kannst Du heute Abend sogar auf der Bühne sehen.“

 

Türen werden geöffnet. Die Leute wenden sich von der Bar ab und der Bühne zu. Eine Dame nimmt freundlich lächelnd Tickets entgegen. Langsam leert sich das Foyer und der Moment der Wahrheit rückt näher. Michael wird im Hintergrund mitleiden.

 

Das Finale

 

Leute stehen im Kreis, über ihnen eine verglimmende Abendsonne. Einer wendet sich von der Gemeinschaft ab, verlässt die Bühne. Ihm folgen die anderen. Die Letzte dreht sich zur Wand, kniet nieder und betrachtet die schwächer werdende Sonne. Das Publikum tut es ihr gleich. Musik und Licht werden langsam heruntergefahren, bis vollständige Dunkelheit und Stille eintreten. Erstes zaghaftes Klatschen. Dann minutenlanger Applaus im ausverkauften Theater. Der Tanz geht weiter…

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