Fire & Ice oder die explosive Mischung auf dem Jakobshorn

7.18 Uhr Davos Jakobshornbahn. Aus dem Schneegestöber tritt ein vollgepackter, bärtiger Mann. Ein Bergler, wie wir Unterländer sie nennen. „Kömäd ihr hüt zu üs ufa?“ ruft er uns entgegen. Nach unserem noch schlaftaumelnden Nicken folgt ein „tschau zämä i bi där Christian und ihr könnd grad mitkoh“. Mitkommen heisst auf 2’500m Höhe ins Büro des Rettungsdiensts, oben auf dem Jakobshorn.
 
Angekommen bei minus 15 Grad. Christian immer noch vollgepackt mit zwei Rucksäcken und Skiern. Unwissend was ihn erwartet – Alltag für einen Patrouilleur. Die schwere Holztür lässt sich nur schwer öffnen. Bezeichnend für die Verantwortung die auf den Männern des Rettungsdienstes lastet? Oder symbolisiert es die Schwere einer Lawine, die auf sein Opfer drückt?
 
Um Leben zu retten, erzählt Christian, haben sie gestern ein Dutzend Sprengungen vorgenommen. Bei gutem Wetter, wie gestern, per Helikopter. Bei schlechtem zu Fuss. Je nach Temperatur und Schneefall entwickelt sich eine Schneeschicht in der Konsistenz wie Gries und funktionierend wie ein Kugellager. Entsprechend die Art der Lawine – ein Schneebrett, das alles um sich mit sich reisst. „Der Lawinenbauer Nr. 1 ist und bleibt jedoch der Wind“.
 
Unterdessen sind auch drei weitere Patrouilleure eingetroffen. Nein, verschlafen haben sie nicht. Sie haben bereits die erste Abfahrt und Beurteilung hinter sich. Die Pisten sind nun geprüft und können für die Gäste freigegeben werden. Pünktlich auf die erste Bahn, um 8.20 Uhr, stehen diese schon unten. Ungeduldig und bereit einzusteigen. „Meine Herde Schafe zuhause ist einfacher zu kontrollieren, als eine Gruppe ungeduldiger Freerider.“ So der Kommentar von Tomi, der soeben die Zentrale betreten hat. Letzten November ist er in seine 24. Saison gestartet. Im Vergleich zu Christian, der heuer seine 3. Saison absolviert, ein alter Fuchs. Dennoch längst nicht der Dienstälteste. Mit über 1’000 Patienteneinsätzen und in seiner 29. Saison, gebührt dieser Titel dem Davoser Urgestein Nic. Seine Ruhe und Gelassenheit scheint sich regelrecht abzufärben auf seine Teamkollegen. Das Einsatzteam besteht, je nach Wetterlage, aus 4 bis 5 Patrouilleuren. Das gesamte Team besteht aus 6 Mitarbeitern. Mit dabei auch eine Frau – jedoch gerade im Mutterschaftsurlaub.
 
Man hat den Eindruck, dass Nichts und Niemand die Patrouilleure aus der Ruhe bringen kann. Bei der Frage nach dem schlimmsten Erlebnis kommt Tomi jedoch etwas ins Stocken. „Ein Toter leidet nicht. – Das Schlimmste war mitzuerleben, wie einer 16-Jährigen, noch am Unfallort auf der Piste klar wurde, dass sie nun querschnittgelähmt ist. Dieses Leiden ist nicht vergänglich. Es bleibt. Ein Leben lang.“
 
Während Christian uns den ABS-Rucksack demonstriert beginnt er zu erzählen. „Ich habe es erlebt. War selber schon mal in einer Lawine. Selber ausgelöst. Es ist unheimlich diese Urgewalt zu spüren und vor allem wie schnell es geht. Ich wusste es schon als ich in den Hang reinfuhr. Mein Bauchgefühl sagte mir, irgendwas ist nicht gut. – Zieh mal an diesem weissen Griff am Rucksack. Ein Zischen. Ein lauter Knall. Der ABS Rucksack ist offen. „So schnell wie diese Rettungspolster aufgeknallt sind, so schnell bist du mitten in einer Lawine. Das realisierst du kaum. Der „weisse Rausch“ ist es. Ein Gefühl, dem du nur schwer entkommen kannst. Es lässt dich jegliche Vernunft verlieren und fährt dich wissend ins Gefahrengebiet. “ Seine Augen funkeln während er vom „weissen Rausch“ spricht.
Hier ist sie, die Leidenschaft die erklärt wieso die Patrouilleure ihren Job Tag für Tag in dieser Ruhe und Gelassenheit ausüben, ganz ohne Abnutzungserscheinung. „Kein Tag ist wie der Andere“, fährt er weiter, packt gekonnt die Luftsäcke zurück in den Rucksack und zieht sich seine rot leuchtende SOS-Jacke an. „Wo gehst du hin?“, fragen wir ihn. „Ich bin heute der mit dem ersten Einsatz, deshalb gehe ich jetzt Mittagessen“. Und weg ist er – schnell wie der Wind.

But the air is never sweet enough

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