„Heute lernen, morgen vergessen“

Sie klopft energisch. Ihre kräftigen Hände sind gerötet und von feinen Rissen durchzogen. Gracia, zurückhaltender Blick, ungeschminkt, tätowierte Unterarme, ist in Eile. Schliesslich ist sie hier nicht zum Vergnügen. Gracia arbeitet als Zimmermädchen.
 

9.50 Uhr:
Zimmer 714, Doppelzimmer, Reinigungszeit: 14 Minuten
Es müffelt. Ein Geruch nach ungewaschenen Socken und Knoblauch. Wortlos eilt Gracia zur Balkontür, lässt kalte Schneeluft einströmen. Gracia mag den Winter nicht. Gracia mag die Sonne, die Hitze ihrer Heimatstadt Porto. Seit 16 Jahren lebt sie in der Schweiz, ebenso fünf ihrer acht Geschwister. Gracias Augen strahlen, wenn sie von ihrer Familie, ihren Kindern erzählt. Von Tochter Iris, die kürzlich ihren sechsten Geburtstag gefeiert hat. Und von Juri, der seine ersten Zähne bekommt und nachts viel weint. Am liebsten würde Gracia mit Kindern arbeiten. Doch dafür müsste sie gut Deutsch sprechen. Seit 16 Jahren arbeitet Gracia in der Schweiz. Immer als Serviceaushilfe oder als Reinigungskraft. Deutsch hat sie dabei nicht gelernt. Seit einem Jahr arbeitet sie im Sunstar Hotel in Davos. Ihre Arbeitskollegen und –kolleginnen stammen wie Gracia alle aus Portugal. Putzen ist eine einsame Arbeit. Einmal hat Gracia in Chur einen Deutschkurs besucht. Da war sie mit Iris schwanger. Sie hat sich nichts merken können. „Heute lernen, morgen vergessen.“
 

10.05 Uhr:
Zimmer 705, Doppelzimmer, Reinigungszeit: 23 Minuten.
Anklopfen: „Housekeeping“, ein vorsichtiger Blick ins Zimmer. Kein Mensch da. So ist es Gracia am liebsten. Wenn niemand da ist, der Fragen stellt, die sie nicht versteht. Niemand auch, der Gracia vom Arbeiten abhält.
 
Im Zimmer ein wildes Durcheinander aus Schuhen, Kleidungsstücken, Hygieneprodukten und leeren Pralinenschachteln. Neben dem Nachttischchen hat jemand Socken zum Trocknen hingelegt. „Aiaiai“, seufzt Gracia, „russische Gäste sind Katastroph.“ Geübt bringt sie Ordnung ins Chaos, leert Abfallkübel, schüttelt Decken auf und streicht sie wieder glatt, faltet Pyjamas, räumt schmutzige Gläser weg. „Mamma Mia“, seufzt sie. Im Badezimmer liegen Fläschchen, Tuben und Tiegel auf einem Haufen. Über der Duschstange trocknet Thermowäsche in leuchtenden Farben. Mit dem gelben Schwamm fürs Bad putzt Gracia Toilette und Bidet. Das Reinigungsmittel sticht scharf in die Nase. Tief beugt sie sich über die Badewanne. Rücken ganz gerade. Sie holt weit aus, schrubbt kraftvoll. „Viel Arbeit, viel Stress, viel Scheise“, ächzt sie. Als letztes holt sie den roten Wischmop, bringt den Badezimmerboden zum Glänzen. Vor der Tür wartet bereits der Staubsaugermann auf seinen Einsatz. Für ein Schwätzchen bleibt keine Zeit, Gracia muss weiter.
 
10.31 Uhr:
Zimmer 715, Doppelzimmer, Reinigungszeit: 13 Minuten
Hier ist ein ordentlicher Mensch zu Gast. Die Wanderschuhe sind auf der Abtropfschale platziert, der schwarze Hartschalenkoffer auf dem Sessel ist auf Kante ausgerichtet. Auf dem Bett liegt ein Inhalationsgerät. Gracia hat keine Zeit, sich Gedanken zu machen. Mit dem grünen Lappen für wischt sie über das Telefon, poliert die Oberflächen. Im Badezimmer reibt Gracia den Spiegel trocken, bis es quietscht. Sie wechselt in einer fliessenden Bewegung vom Lavabo zur Duschkabine. Meditatives Putzballett. Doch der äussere Eindruck täuscht: Gracia sorgt sich um die Kinder, ständig sorgt sie sich. Ihre Schwester passt auf die Kleinen auf, wenn Gracia und ihr Mann arbeiten. Gracias Mann arbeitet als Pizzaiolo. Sie sehen sich selten. Hat ihr Mann Feierabend, schläft sie schon. Hat Gracia frei, arbeitet er. Alles für die Kinder.
 
10.44 Uhr:
Zimmer 712, Doppelzimmer, Reinigungszeit: 19 Minuten
Das Zimmer leer. Der Gast ist heute abgereist. Er hat einen Franken Trinkgeld auf dem Kopfkissen zurückgelassen. Bei einem Gästewechsel werden die Zimmer besonders gründlich gereinigt. Gracia zieht die Betten ab, öffnet Schubladen, wischt durch. Sie stöhnt leise. Der Rücken. Nach 15 Jahren Putzen sind die Schmerzen chronisch. Aber was willst du machen: „Alles Scheise“.
 
11.07 Uhr
Wie viele Zimmer sie heute Morgen gereinigt hat, könnte Gracia nicht sagen. Es ist ihr auch egal. Hauptsache, die Liste ist abgearbeitet. Mit einer herzlichen Umarmung verabschiedet sie sich und eilt davon. Nach Hause, um zu putzen.
 
Von der Einsamkeit

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