Mamãs Herz schlägt für Parfum

Auf den Gängen des Hotels Sunstar ist es ruhig. Die Gäste haben bereits ausgecheckt oder sind in ihr Tagesprogramm gestartet. Rasche Schritte tönen den Gang entlang. Klopf, klopf. „Houskeeping“, meldet sich eine laute Stimme. Natercia des Santos ist auf ihrer Tour. Aus der Tasche des blauen Kittels nimmt sie ihren Schlüssel. Ausatmen. Dann erst öffnet sie die Tür. Langsam schweift ihr Blick durch das Zimmer und nimmt einen ersten Augenschein. Eingeatmet hat sie noch nicht. Natercia dos Santos ist allergisch auf alle schlechten Gerüche. Sie öffnet das Fenster. Frische angenehme Luft schrömt herein. Die gerümpfte Nase entspannt sich. Einatmen.
 
Natercia dos Santos ist eine von drei Gouvernanten im Hotel Sunstar. Bereits sechs Jahre ist sie im Dienst des Hotels tätig. Ihre Erscheinung und Ausstrahlung erinnert sofort an eine fürsorgliche Mamã.
 
Ihre Hand greift nach dem grünen Putzkessel mit ihrem Namen darauf. Im Badezimmer abgestellt, eilt sie hektisch zum Bett. Aufschütteln, gleichmässig aufklopfen, glattstreichen und an den Ecken nachziehen. Die Handgriffe sitzen. „Immer schnell, keine Zeit. Nur schnell, schnell“. Natercias Augen gehen zufrieden über die eine gemachte Betthälfte. Kopfschüttelnd nimmt sie den grossen Koffer auf der anderen Seite wahr. „Nicht gut, für weisse Wäsche“, murmelt sie vor sich hin. Lässt den Koffer jedoch, wo er ist und nimmt sich das Badezimmer vor.
 
Toilettenspülung, Putzmittel sprühen, Wasser aufdrehen, noch mehr sprühen. Im Badezimmer geht’s zackig. Der gelbe Putzschwamm landet nach seinem Flug über die Glastrennwand im Waschbecken. Kräftige und energische Wischbewegungen von Natercia. Sie ist sich für nichts zu schade. Die welligen, haselnussfarbigen Haare sind mit einer Spange hochgesteckt und ein Reif hält auch die wildgewordenen Locken aus dem Gesicht heraus. Mit ihren schwarzen Crocks, einfachen schwarzen Hosen und T-Shirt steht sie in der Dusche und absolviert ihr tägliches Trainigsprogramm.
 
Schwere Seufzer dringen durch das Wasserrauschen. Der Rücken schmerzt. Die Hände sind schwielig vom vielen Putzmittel und dem Wasser. Und die Arme kann sie abends meist nicht mehr hochheben, so schwer fühlen sie sich an.
 
Doch plötzlich erstrahlen ihre Augen. Natercia hat das Aftershave des Gastes entdeckt. „Oohhh, riecht bestimmt gut“, meint sie. Ihr Herz schlägt für gute Parfums. Sie hat eine feine Nase. Wenn Zimmer abgestanden oder gar nach Rauch riechen, wird durch Frischluft schnell Abhilfe geschafft. Auch Gerüche im Badezimmer sprüht sie energisch weg.
 
Mit feineren Handbewegungen reinigt sie den Spiegelschrank und das Becken. Jeder Artikel des Gastes steht wieder auf seiner Position. Auf den Knien putzt sie den Badezimmerboden blank. Ein letzer Kontrollblick, ein letztes Nachwischen. Das Licht geht aus, die Tür zu. Mit dem Handrücken streift sie sich erste Schweissperlen aus der Stirn: Zimmer eins ist abgehakt.
 
Nicht jedes Zimmer ist in diesem angenehmen Zustand anzutreffen.
 
Der Putzwagen auf dem Gang ist ihr Büro auf Rollen. Frisch gewaschene Badetücher und sauber gefaltete Bettwäsche in strahlendem Weiss türmen sich darauf auf. Ein in Farbe gestalteter Plan zeigt Natercia, welche Zimmer noch auf dem Programm stehen. Es sind vierzehn. Heute will sie schnell, noch schneller durch sein. Ein freier Nachmittag erwartet sie.
 
Die gebürtige Portugiesin lebt alleine in der Schweiz. Der Rest der Familie ist zuhause in Lissabon. Familie ist ihr mehr als wichtig. Wehmütig schweift das Mutterherz in Gedanken zur einzigen Tochter und Enkeltochter: „Leonore, meine kleine Prinzessin“, Tränen steigen Natercia in die Augen und verdienen eine tröstende Umarmung. Irgendwann vielleicht kann sie wieder zurück in ihre Heimat. Lichtblicke sind die Kurzferien in Lissabon.
 
Nach der ersten Pause geht sie mit einem Lachen im Gesicht an die Arbeit. Die Erfrischung scheint ihr neue Energie verliehen zu haben. Plötzlich ist sie zu kleinen Spässchen aufgelegt. Nimmt vergnügt das grüne Gymnastikband des Gastes in die Hände und tut so, als ob sie sich den Rücken stärkt. „Spass“, grinst sie und geht nach dem Bettenmachen ins Bad. Aus einem anderen Zimmer dröhnt das Geräusch des Staubsaugers ins Bad. Die Chefin macht den Kontrollgang und bestellt den Kollegen die Ankunft des neuen Gastes.
 
Sie sprechen portugiesisch. Viele der Angestellten reden kaum Deutsch. Kurse geben die Möglichkeit, die Sprache zu lernen oder zu vertiefen. Auf die Frage, ob Natercia ebenfalls einen Deutschkurs besuche, winkt sie verlegen ab. „Ich zu alt“, gibt sie zu verstehen.
 
Am 12. Februar feiert Natercia ihren 55. Geburtstag. Alleine. Der Telefonanruf ihrer Tochter und Enkeltochter ist ihr Geschenk genug. Und wenn die Post mitgespielt hat, erreicht sie vielleicht eine Geburtstagskarte aus Portugal.
 
Was Natercia sich aber auf jeden Fall gönnt: ein wohlduftendes Parfum.
 
Fire and Ice oder die explosive Mischung

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